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Aargauer Zeitung vom 2.11.2012

Gestalten mit Webschiffchen und Nähnadel

Ob Tischtuch, Duschtuch, Decke, Jacke oder Tasche: Produkte aus handgewobenen Stoffen sehen nicht nur gut aus, sie fühlen sich anders an. Etwas vom Herzblut, von der Leidenschaft der beiden Handweberinnen Madeleine Siegenthaler und Kathrin Schwaller, geht mit zu den Käufern. «Meine Produkte, seien es einfache Waschlappen, Küchentücher oder Tischläufer, sind zum Brauchen», sagt Madeleine Siegenthaler. Was sie verkaufe, habe einen Verwendungszweck. Gleiches gilt für Kathrin Schwallers Endprodukte: Ihre topmodischen Jacken und Schals sollen getragen werden. Die Gränicherin ist Weberin und Näherin in einem. Sie entwirft Dessins für Stoffe und näht anschliessend mit dem eigenen Stoff. Manchmal geht sie noch eine Schritt weiter, setzt sich ans Spinnrad und spinnt ihr Webgarn selber. Das gilt auch für Madeleine Siegenthaler, lacht sie doch: «Wir Weberinnen spinnen eigentlich alle.»

Freude und Können weitergeben
Im grosszügigen Atelier im Dachstock eines Mehrfamilienhauses in Zetzwil stehen mehrere Webstühle, verschiedener Grösse und Bauart. Madeleine Siegenthaler ist auch Kursleiterin und bildet Kurse an für
Leute, die das Handwerk erlernen möchten. Als ehemalige Lehrerin ist sie dabei in ihrem Element. «Es ist mir ein Anliegen, die Freude und das Wissen weiterzugeben.» Beiden Frauen ist gemeinsam, dass sie in jungen Jahren mit dem Weben in Kontakt kamen. Madeleine Siegenthaler wurde als Junglehrerin vom Web-Virus erfasst, bildete sich kontinuierlich aus und startete in den 1980er-Jahren durch mit einem eigenen Atelier. Seit ihrer Pensionierung vor zwölf Jahren widmet sie sich ausschliesslich dem Weben. «Das Gestalten von Mustern im gegebenen Rahmen, die damit verbundene Mathematik und dann die Farben und Stoffe faszinieren mich», sagt sie. Weben sei endlos, grenzenlos, ja: «Ehrlich, um alles zu erfahren und auszuprobieren, genügt ein ganzes
Leben nicht.» Sie und ihre Kollegin möchten das Traditionelle mit modernen Farben und Designs weitertragen, ausweiten. 
Kathrin Schwaller hat Weberin gelernt,dann eine Handelsschule absolviert und lange Jahre im Büro gearbeitet.
Als der Ruf von einer Institution kam, mit behinderten Menschen zu weben, ist sie diesem gefolgt und hat sich weitergebildet, auch bei Madeleine Siegenthaler. Und jetzt frönen die beiden Frauen ihrer Leidenschaft für Farben, Formen und Textilien im gemeinsamen Atelier in Zetzwil.
An der Ausstellung vom 2. Bis 4. November beteiligen sich auch Beatrice Baumer aus Suhr – sie zeigt biblische
Figuren im «Stil Schwarzenberg» – und Daniela Dietrich, Dottikon, gewobene Borten.

Öffnungszeiten: Fr, 15–19 Uhr; Sa, 10–17 Uhr; So, 11–16 Uhr; Brühlgartenstrasse

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Aargauer Zeitung vom 24.07.04

Eigene Handschrift in jedem Stück Stoff

REINACH «Das Weben ist eine Lebensschule», sagt Madeleine Siegenthaler. In Kursen führt sie von Grund auf in das alte Handwerk ein
SARAH JÄGGI

Der Mädchentraum erfüllt sich mit der Pensionierung. Madeleine Siegenthaler hat ein Webatelier, gibt Kurse und webt verschiedenste Stoffe. Zum Beispiel Küchentücher «für Leute, die schon alles haben».

In der kleinen Wohnung unter dem Dach stehen 14 Webstühle. Der kleinste, ein Brio-Kinderwebstuhl, wartet auf ein Grosskind, das noch zu klein ist, ihn zu gebrauchen. Der grösste, ein 1,6 Meter breiter Handwebstuhl mit Schnellschuss, ist bespannt mit Hunderten von gelben, roten, orangen und weissen Fäden. Sind sie miteinander verwoben, werden Tischtücher daraus. «Weben war mein Jungmädchentraum », sagt Madeleine Siegenthaler. Stück für Stück konnte sie ihn in den letzten zwanzig Jahren verwirklichen: Der erste Webstuhl in den 80er-Jahren, 24 Kurswochen bei schwedischen Fachlehrerinnen, Tausende von Stunden am Webstuhl und viel Autodidaktik. Heute ist sie pensioniert und lebt für ihr Atelier, wo sie Kurse gibt. Wer «e chli wäbe» will, ist falsch bei Madeleine Siegenthaler. «Ich will das alte Handwerk solid und von Grund auf vermitteln. Die Frauen sollen selbstständig arbeiten und Freude am Ausprobieren bekommen », sagt sie. Letzte Woche nahmen fünf Frauen an einer Webwoche teil und stellten Kleiderstoffe her. Sie sind keine Anfängerinnen, wissen mit dem Material und den Tücken des Webstuhls umzugehen. «Ich wollte schon immer mal weben », sagt eine der Teilnehmerinnen. Beim Coiffeur fand sie den Prospekt von Siegenthalers Atelier. Seither webt sie. Auch die andern Frauen, die aus den unterschiedlichsten Berufen und Altersgruppen kommen, sind vom Webvirus gepackt worden.

WEBEN – DAS DESSERT Bis die fünf Frauen mit dem Weben beginnen können, vergehen drei der sechs Kurstage. «Das eigentliche Weben », erklärt Siegenthaler, «ist das Dessert.» Vorher müssen der Stoff entworfen, das Material berechnet und vorbereitet und der Webstuhl aufgebäumt werden, wie es in der Fachsprache heisst. Aufgebäumt wird, wenn die Kette, also die Längsfäden, auf dem Webstuhl festgemacht wird. Dafür braucht es die Hilfe ei- nes «Weberknechts», wie die Frauen erzählen. Als solche fungieren die Ehemänner oder die Kinder der Weberinnen.   

WEBEN – DIE LEBENSSCHULE Für die ehemalige Primarlehrerin und Erwachsenenbildnerin Siegenthaler ist Weben eine Lebensschule. «Beim Einrichten des Webstuhls braucht es viel Geduld und Exaktheit.» Das Spiel mit den Farben sei heilsam und das gleichmässige Weben wirke meditativ. «Je rhythmischer ich webe, desto regelmässiger und schöner wird der Stoff.» Neben ihrer Kurstätigkeit webt Siegenthaler selber und verkauft Stoff am Meter oder fertige Produkte. So auch Handtücher «als Geschenk für Leute, die bereits alles haben ». Für die Unikate lässt sie sich inspirieren, oft von einem Naturbild. Jedes Küchentuch trägt eine Etikette mit einer kleinen Geschichte. Die Tücher heissen entsprechend Grünspecht, Blaumeise, Herbstglut oder Wolfsmilchschwärmer. Reich wird Siegenthaler mit ihrem Atelier nicht. Glücklich ist sie trotzdem: «Ein Privileg des Alters ist, nur noch das zu tun, was man will. Bei mir ist das weben.»

 

Aargauer Zeitung vom 2.11.2012

Gestalten mit Webschiffchen und Nähnadel

Ob Tischtuch, Duschtuch, Decke, Jacke oder Tasche: Produkte aus handgewobenen Stoffen sehen nicht nur gut aus, sie fühlen sich anders an. Etwas vom Herzblut, von der Leidenschaft der beiden Handweberinnen Madeleine Siegenthaler und Kathrin Schwaller, geht mit zu den Käufern. «Meine Produkte, seien es einfache Waschlappen, Küchentücher oder Tischläufer, sind zum Brauchen», sagt Madeleine Siegenthaler. Was sie verkaufe, habe einen Verwendungszweck. Gleiches gilt für Kathrin Schwallers Endprodukte: Ihre topmodischen Jacken und Schals sollen getragen werden. Die Gränicherin ist Weberin und Näherin in einem. Sie entwirft Dessins für Stoffe und näht anschliessend mit dem eigenen Stoff. Manchmal geht sie noch eine Schritt weiter, setzt sich ans Spinnrad und spinnt ihr Webgarn selber. Das gilt auch für Madeleine Siegenthaler, lacht sie doch: «Wir Weberinnen spinnen eigentlich alle.»

Freude und Können weitergeben
Im grosszügigen Atelier im Dachstock eines Mehrfamilienhauses in Zetzwil stehen mehrere Webstühle, verschiedener Grösse und Bauart. Madeleine Siegenthaler ist auch Kursleiterin und bildet Kurse an für
Leute, die das Handwerk erlernen möchten. Als ehemalige Lehrerin ist sie dabei in ihrem Element. «Es ist mir ein Anliegen, die Freude und das Wissen weiterzugeben.» Beiden Frauen ist gemeinsam, dass sie in jungen Jahren mit dem Weben in Kontakt kamen. Madeleine Siegenthaler wurde als Junglehrerin vom Web-Virus erfasst, bildete sich kontinuierlich aus und startete in den 1980er-Jahren durch mit einem eigenen Atelier. Seit ihrer Pensionierung vor zwölf Jahren widmet sie sich ausschliesslich dem Weben. «Das Gestalten von Mustern im gegebenen Rahmen, die damit verbundene Mathematik und dann die Farben und Stoffe faszinieren mich», sagt sie. Weben sei endlos, grenzenlos, ja: «Ehrlich, um alles zu erfahren und auszuprobieren, genügt ein ganzes
Leben nicht.» Sie und ihre Kollegin möchten das Traditionelle mit modernen Farben und Designs weitertragen, ausweiten. 
Kathrin Schwaller hat Weberin gelernt,dann eine Handelsschule absolviert und lange Jahre im Büro gearbeitet.
Als der Ruf von einer Institution kam, mit behinderten Menschen zu weben, ist sie diesem gefolgt und hat sich weitergebildet, auch bei Madeleine Siegenthaler. Und jetzt frönen die beiden Frauen ihrer Leidenschaft für Farben, Formen und Textilien im gemeinsamen Atelier in Zetzwil.
An der Ausstellung vom 2. Bis 4. November beteiligen sich auch Beatrice Baumer aus Suhr – sie zeigt biblische
Figuren im «Stil Schwarzenberg» – und Daniela Dietrich, Dottikon, gewobene Borten.

Öffnungszeiten: Fr, 15–19 Uhr; Sa, 10–17 Uhr; So, 11–16 Uhr; Brühlgartenstrasse

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Aargauer Zeitung vom 24.07.04

Eigene Handschrift in jedem Stück Stoff

REINACH «Das Weben ist eine Lebensschule», sagt Madeleine Siegenthaler. In Kursen führt sie von Grund auf in das alte Handwerk ein
SARAH JÄGGI

Der Mädchentraum erfüllt sich mit der Pensionierung. Madeleine Siegenthaler hat ein Webatelier, gibt Kurse und webt verschiedenste Stoffe. Zum Beispiel Küchentücher «für Leute, die schon alles haben».

In der kleinen Wohnung unter dem Dach stehen 14 Webstühle. Der kleinste, ein Brio-Kinderwebstuhl, wartet auf ein Grosskind, das noch zu klein ist, ihn zu gebrauchen. Der grösste, ein 1,6 Meter breiter Handwebstuhl mit Schnellschuss, ist bespannt mit Hunderten von gelben, roten, orangen und weissen Fäden. Sind sie miteinander verwoben, werden Tischtücher daraus. «Weben war mein Jungmädchentraum », sagt Madeleine Siegenthaler. Stück für Stück konnte sie ihn in den letzten zwanzig Jahren verwirklichen: Der erste Webstuhl in den 80er-Jahren, 24 Kurswochen bei schwedischen Fachlehrerinnen, Tausende von Stunden am Webstuhl und viel Autodidaktik. Heute ist sie pensioniert und lebt für ihr Atelier, wo sie Kurse gibt. Wer «e chli wäbe» will, ist falsch bei Madeleine Siegenthaler. «Ich will das alte Handwerk solid und von Grund auf vermitteln. Die Frauen sollen selbstständig arbeiten und Freude am Ausprobieren bekommen », sagt sie. Letzte Woche nahmen fünf Frauen an einer Webwoche teil und stellten Kleiderstoffe her. Sie sind keine Anfängerinnen, wissen mit dem Material und den Tücken des Webstuhls umzugehen. «Ich wollte schon immer mal weben », sagt eine der Teilnehmerinnen. Beim Coiffeur fand sie den Prospekt von Siegenthalers Atelier. Seither webt sie. Auch die andern Frauen, die aus den unterschiedlichsten Berufen und Altersgruppen kommen, sind vom Webvirus gepackt worden.

WEBEN – DAS DESSERT Bis die fünf Frauen mit dem Weben beginnen können, vergehen drei der sechs Kurstage. «Das eigentliche Weben », erklärt Siegenthaler, «ist das Dessert.» Vorher müssen der Stoff entworfen, das Material berechnet und vorbereitet und der Webstuhl aufgebäumt werden, wie es in der Fachsprache heisst. Aufgebäumt wird, wenn die Kette, also die Längsfäden, auf dem Webstuhl festgemacht wird. Dafür braucht es die Hilfe ei- nes «Weberknechts», wie die Frauen erzählen. Als solche fungieren die Ehemänner oder die Kinder der Weberinnen.   

WEBEN – DIE LEBENSSCHULE Für die ehemalige Primarlehrerin und Erwachsenenbildnerin Siegenthaler ist Weben eine Lebensschule. «Beim Einrichten des Webstuhls braucht es viel Geduld und Exaktheit.» Das Spiel mit den Farben sei heilsam und das gleichmässige Weben wirke meditativ. «Je rhythmischer ich webe, desto regelmässiger und schöner wird der Stoff.» Neben ihrer Kurstätigkeit webt Siegenthaler selber und verkauft Stoff am Meter oder fertige Produkte. So auch Handtücher «als Geschenk für Leute, die bereits alles haben ». Für die Unikate lässt sie sich inspirieren, oft von einem Naturbild. Jedes Küchentuch trägt eine Etikette mit einer kleinen Geschichte. Die Tücher heissen entsprechend Grünspecht, Blaumeise, Herbstglut oder Wolfsmilchschwärmer. Reich wird Siegenthaler mit ihrem Atelier nicht. Glücklich ist sie trotzdem: «Ein Privileg des Alters ist, nur noch das zu tun, was man will. Bei mir ist das weben.»